Folge 5: Rudolf Pleil - Zwischen den Zeilen
Shownotes
Mit der Öffnung des Brunnens bei Vienenburg beginnt eine der umfangreichsten Mordermittlungen der deutschen Nachkriegszeit. Aus ganz Deutschland erreichen Briefe die Mordkommission in Braunschweig. Angehörige fragen nach vermissten Frauen, andere Dienststellen melden ungeklärte Fälle, und immer wieder steht dieselbe Frage im Raum: Was ist Wahrheit – und was ist Rudolf Pleils Selbstinszenierung? Denn Pleil gesteht Morde am laufenden Band, widerruft sie dann wieder oder übertreibt. Im Prozess ringen Gutachter und Gericht um die Frage: Ist Pleil für seine Taten voll verantwortlich?
⚠️ Triggerwarnungen
- Mord und detaillierte Gewaltdarstellung
- Sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung (auch an Leichen)
- Sadismus und sexuelle Erregung durch Gewalt
- Enthauptung
- Psychologische Gutachten und Beschreibung psychischer Störungen
- Alkohol- und Substanzkonsum
- Gerichtsprozess und Zeugenaussagen zu Gewaltverbrechen
- Trauma von Hinterbliebenen und Überlebenden
Quellenverzeichnis [1] Barnstorf, Fritz: „Der Fall Pleil". In: Der Spiegel, Nr. 45/1950, erschienen am 07.11.1950. [2] Lautenbach, Birgit & Ebend, Johann: Der Totmacher. Die Geschichte des Mörders Rudolf Pleil. In: Historische Serienmörder Band IV. Verlag Kirchschlager, 2017. [3] Pfeiffer, Hans: Der Zwang zur Serie. Serienmörder und ihre Motive. area Verlag, 2007. [4] Sellin, Fred: Nur Heringe haben eine Seele: Geständnis eines Serienmörders – Der Fall Pleil. Droemer Verlag, November 2020. [5] stern Crime, Nr. 56, September 2024: „Der nette Begleiter". [6] Wikipedia: Rudolf Pleil. [7] ARD: Die großen Kriminalfälle – „Der Totmacher" Rudolf Pleil. [8] Zeitzeugen-Portal: Helga Erasmi – „Dem ‚Totmacher' entkommen". [9] Terra X History: Überleben – Dresden 1946. Wie war der Alltag im Nachkriegsdeutschland? [10] NDR Doku: Hungerwinter. [11] ARD Doku: Der Hungerwinter – Überleben im zerbombten Deutschland.
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Transkript anzeigen
00:00:00: Hey, willkommen bei Mord vor Ort!
00:00:02: Wir erzählen die echte Geschichte rund um den Serienmörder Rudolf Pleil.
00:00:07: Dazu reisen wir an die Orte des Geschehens und bringen die Atmosphäre zu dir nach Hause.
00:00:12: Dies ist Folge fünf – wenn du die vorherigen Folgen noch nicht gehört hast, starte am besten bei Folge eins.
00:00:19: Alle Triggerwarnungen findest Du in den Show Notes.
00:00:22: Und jetzt geht es los mit der Folge
00:00:27: Auf den Spuren eines Mörders Quer durch die Wälder im Harz.
00:00:34: Direkt vor deiner Haustür.
00:00:58: Der Schwur mit Karl Hoffmann wird auf eine harte Probe gestellt, denn wir erinnern uns, Plyl hat die Brunnenmorde gestanden um als Todmacher eingestellt zu werden und das ist nur der Anfang seiner Geständnisse.
00:01:11: Mit der Entdeckung der zwei Leichen beginnen die polizeilichen Verhöre von Plyll und die Umfangreichsten Ermittlungen in der Nachkriegszeit.
00:01:19: Pleil beschreibt der Polizei gegenüber die Morde an Emileppin und Gertrude Glöde.
00:01:24: Und er erzählt noch viel mehr von Orten, an denen er gemordet oder Leute ausgeraubt haben will.
00:01:30: So sagt er wohl die Weiber- und Männer alle zusammen dem man irgendwo zwischen Harz und Hamburg Klamotten abgenommen hat oder totmachen wollte oder halbtod gemacht hat.
00:01:41: Es kommen folgende ortschaftenden Frage Helmstedt Maria Born Schöningen Hamburg Osterwieg Fienenburg, Abenrode, Stapelburg, Eckertal, Ilsenburg, Werningerode, Bad Harzburg, Hohegeis, Zorge, Wenigenstein, Weikenried,
00:01:59: Ellrich,
00:02:00: Ilefeld, Nordhausen, Sülsheim, Halle, Leipzig.
00:02:05: Gesamtes Oberharz-Gebirge Hamburg, Wiedelaar, Bad Saxa, Dresden und übrigens Sachsen auch Magdeburg.
00:02:12: Parallel zu Pleils Geständnissen lösen die Presseberichte in allen drei Westzonen eine gewaltige Reaktion aus.
00:02:20: Die Mordkommission zum Fall Pleil wird zur Anlaufstelle für ungeklärte Fälle aus dem gesamten Bundesgebiet.
00:02:27: Briefe aus ganz Deutschland erreichen die Ermittler in Braunschweig.
00:02:31: Immer wieder fragen verzweifelte Menschen an, ob Pleil möglicherweise als Mörder ihrer Frauen, Schwestern und Töchter infrage komme.
00:02:39: Und es kommen nicht nur Anfragen von Privatpersonen, sondern auch von Mordkommission aus allen Westzonen.
00:02:46: Zum Beispiel aus Hof in Bayern, wo ähnlich wie in Fienburg in einem Brunnen-Schacht zwischen den Bahnhofsgleisen eine Frauenleiche gefunden wird.
00:02:55: Pleil gesteht am laufenden Band – aber nicht alles was er erzählt stimmt!
00:03:00: So will er nineteenhundertvierzig in den Trümmern von Dresden zwei Frauen ermordet und deren Leichen missbraucht haben….
00:03:08: Erst als ihm vorgehalten wird, dass Nachforschung bei der Dresdner Polizei ergeben haben, das zur fraglichen Zeit am angegebenen Ort keine Frauenleiche gefunden worden seien – wieder ruft es eine Geständnisse und sagt «Ich habe nur deswegen die Unwahrheit gesagt weil ich möglichst viele Tote nachweisen wollte um einmal als Todmacher angestellt zu werden».
00:03:28: Doch in vielen anderen Fällen sind seine Geständnisse so präzise, daß seine Täterschaft anzunehmen ist.
00:03:34: Bei einem Ortstermin in Walgenried wo der Mord an einer unbekannten Frau rekonstruiert werden soll, haben Staatsanwalt und Mordkommission so lange Zweifel an der Richtigkeit seiner Darstellung bis Pleil einen Vorschlag macht.
00:03:47: Man solle mehrere Hämmer auf ein Tisch legen und ihm die Augen verbinden.
00:03:52: Er werde die Tatwaffe trotzdem erkennen – es wird getan was er vorschlägt!
00:03:57: Und auch sieben verschiedenen Hemmern findet Pleil nach wenigen Minuten den richtigen heraus.
00:04:03: Weil der erstens vorhin ein bisschen gewackelt habe Und weil zweitens die sexuelle Erregung wieder aufgeflammt sei, die er während der Tat empfunden habe.
00:04:12: Aber Pleils Bereitschaft zur Erinnerung ist nicht ohne Gegenleistung zu haben!
00:04:17: Wie schon bei den Geständnissen der Brunnenmorde macht er seine Aussagen von größeren Essentrationen abhängig.
00:04:24: Er entwickelt dafür sogar ein eigenes System.
00:04:27: In seinen schriftlichen Geständnessen lässt er Ortsbezeichnungen bewusst als Lücken zwischen Anführungszeichen stehen.
00:04:34: Erst wenn die Gefängnisleitung ihm Nachschlag genehmigt, füllt er die Lücken.
00:04:39: Mehrfach richten die Ermittler die Bitte an die Gefengnisleitungen – man möge dem strafgefangenen Pleil bei den Mahlzeiten Nachschlägen geben damit sie mit den Ermittlungen
00:04:47: vorankommen.".
00:04:48: Eine zentrale Frage, die die Ermütter noch beschäftigt?
00:04:51: Kann Pleil allein gehandelt
00:04:53: haben?!
00:04:54: Bei der Aussicht auf eine gute Versorgungslage dauert es nicht lange bis Pleilen Namen nennt!
00:05:03: Aber Pley betont immer wieder, dass er den Hauptanteil an den Morden geleistet habe.
00:05:08: Schissler wird bei seiner Rückkehr aus der fremden Legion in Hamburg festgenommen.
00:05:13: Hoffmann wird in Magdeburg verhaftet und an die westdeutsche Justiz ausgeliefert.
00:05:18: Gegenüber der Polizei leugnet er alles aber gegenüber seinem Zellengenossen betont er wiederholt er haben nie behauptet unschuldig zu sein sondern nur das man ihm nichts nachweisen könne.
00:05:30: Die Taten legen Jahre zurück Gras sei drüber gewachsen.
00:05:34: Er zeigt einen Zeitungsausschnitt, in den die Bevölkerung zur Mithilfe aufgerufen wird und schließt daraus – die Ermittler wissen noch nichts Konkretes.
00:05:43: Nur seine Frau mache ihm Sorgen!
00:05:45: Er habe ihr Wiederholschmuck, Kleidung und eine Armbandur geschenkt, die aus den Straftaten stammt könnten.
00:05:52: Sie dürfen nun also oft keinen Fall von der Polizei vernommen werden….
00:05:55: Dort würde sie nicht standhalten können und alles
00:05:59: sagen.".
00:06:00: Was Hoffmann nicht weiß, erteilt seine Zelle mit einem V-Mann.
00:06:05: Und der dokumentiert alles für die Ermittler – auch das was in der Nacht passiert!
00:06:10: Denn Hoffmann leidet unter Albträumen.
00:06:12: Wiederholt ruft er im Schlaf, Rudolf warum hast du mich verraten?
00:06:17: Der Schwur den Pleil gebrochen hat lässt Hoffman auch im Schlaf nicht
00:06:21: los.".
00:06:22: Pleil schläft ausgezeichnet in Haft und überhaupt genießt er die laufenden Ermittlungen.
00:06:28: Bei einem Ortstermin, so berichtet der Oberstaatsanwalt später, habe Pleil ein sehr aufgeräumtes, man kann sagen lustiges Wesen gezeigt und schien offenbar in Erinnerung an seine furchtbaren Mordtaten zu schwelgen.
00:06:41: Pleil bedauert die Morde nicht – ganz im Gegenteil!
00:06:44: Er sagt, die Frauen seien selbst schuld gewesen, dass sie an seinen Verletzungen starben.
00:06:50: Aber die Ermittler müssen nicht nur seine Mordschilderung aushalten… Da ist auch sein lüsternes Gieren nach allem, was ihn sexuell stimulieren könnte.
00:06:58: Und der sadistische Genuss, den er dabei offensichtlich empfindet.
00:07:03: Während einer der Vernehmungen erscheint eine Polizeiangestellte mit einer Kaffeekanne und bietet auch Pleil eine Tasse an.
00:07:11: Sie steht vorgebeugt neben ihm um einzuschenken.
00:07:14: Pleil wird knallrot!
00:07:16: Er springt auf und läuft in die angrenzende Toilette.
00:07:44: Okay, lass uns noch mal kurz über die Ermittlung sprechen.
00:07:47: Da passiert ja gerade richtig viel mit den Briefen aus ganz Deutschland von anderen Mordkommission und so... Aber ich glaube, wir sollten noch mal darauf eingehen wie das damals mit der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Zonen tatsächlich ablief.
00:07:59: Ja unbedingt!
00:08:00: Wir haben ja auf der einen Seite die britische Besatzungszone und auf der anderen die sowjetische und jede Zone für sich hatte natürlich Polizeikräfte Aber die haben nicht miteinander gearbeitet oder sich verständigt.
00:08:15: Also heutzutage ist es ja so, dass es in Behörden, in Grenznähe beispielsweise auch immer Beamte des Nachbarlandes gibt um einfach im Sinne einer grenzübergreifenden Ermittlung schnell handlungsfähig und auch informiert zu sein.
00:08:29: das gab es so damals nicht.
00:08:32: In der Recherche zum Fall haben wir auch davon gelesen, dass es in dem Fall mit der Frau mit dem abgetrennten Kopf wohl so war.
00:08:38: Dass sich die Ostpolizei von sich aus an die westlichen Ermittler gewandt hatte.
00:08:42: So nach dem Motto Wir haben ja was gefunden, lass uns doch kooperieren!
00:08:46: Es wurde dann noch ein Treffen zum Austausch ausgemacht aber zu den verabredeten Terminen ist dann einfach kein westlicher Ermittlern erschienen.
00:08:54: Ja das war's dann schon wieder mit der Zusammenarbeit bevor sie eigentlich überhaupt angefangen hat.
00:08:59: Genau, und das ist vermutlich auch der Grund warum es am Ende ja nicht die Ermittlungen sind.
00:09:04: Die Plyl überführen sondern seine eigenen Geständnisse wenn er die so nicht abgelegt hätte und nach den zwölf Jahren für den Mord an Hermann Bennen aus dem Zuchthaus entlassen worden wäre.
00:09:16: also muss man ganz ehrlich sagen gut möglich dass da die Mordserie einfach weitergegangen wäre.
00:09:23: So apropos Zuchthaus.
00:09:24: wir wollen zu unserer Ortsauflösung dieser Folge kommen.
00:09:28: Wir stehen nämlich gerade vor den Gefängnismamoren der JVA-Zelle.
00:09:32: Das ist das Hochsicherheitsgefängnis in Niedersachsen, hier saß Pfeil damals während der Ermittlungen.
00:09:38: haft und übrigens Bilder und Videos von hier findet ihr wie immer unter Mord vor Ort Unterstrich.
00:09:43: Podcast bei Instagram und TikTok
00:09:45: Und ich beschreibe einfach mal die JVA liegt kühlt total zentral ins Zelle in einem Wohngebiet und direkt an einem Fluss.
00:09:55: Und wenn man hier so an den Mauern entlang geht, dann denkt man schon erstmal total imposant und dann kommt man auf der einen Seite zu einem historischen Trakt mit einem wirklich schönen Eingangsbereich.
00:10:08: Mit Tor sieht fast ein bisschen schlossähnlich aus, wenn da nicht der Stacheldraht im Hintergrund wäre.
00:10:16: Direkt gegenüber von diesem Tor liegt noch eine kleine Parkanlage also es ist total malerisch!
00:10:23: Und das mit dem historischen Trakt kommt nicht von ungefähr, denn die JVA-Zelle ist das älteste noch im Betrieb befindliche Gefängnis Deutschland und wird schon seit über dreihundert Jahren durchgehend als Strafanstalt genutzt.
00:10:36: Damals hieß die JVA Zelle Werkzucht & Tollhaus – und das muss vielleicht nur mal ganz kurz erklärt werden!
00:10:43: Die Zuchthausstrafe war damals nämlich eine eigene Straform.
00:10:48: Das war ne Strafe, die härter als ….
00:10:51: ja ich sag jetzt mal… Normales Gefängnis war.
00:10:54: Im Zuchthaus gab es Zwangsarbeit, strengere Regeln und die Insassen hatten weniger Rechte.
00:11:00: Damit war das Zuchthaus dann quasi die härteste Stufe unterhalb der Todesstrafe.
00:11:05: Und neunzehntundneinsechzig wurde die Zuchtaustrafe dann abgeschafft.
00:11:10: Zurück zu Pleyl!
00:11:11: Jetzt kommen wir nämlich zu etwas, dass sich hinter den Mauern abgespielt hat während er hier einsaß.
00:11:17: Nicht nur die Außenwelt erfährt nämlich von seinen Geständnissen auch Pleyls Eltern hören zum ersten Mal von den Taten ihres Sohnes und sie schreiben ihnen einen Brief.
00:11:26: Ja, was da drin steht ist echt... Na ja also in aller Kürze seine Eltern schreiben pleil dass sie zu ihm stehen
00:11:34: aber
00:11:34: er habe das vierte Gebot vergessen.
00:11:37: Und das vierde gebot lautet nicht du sollst nicht töten wie man jetzt wahrscheinlich vermutet hätte sondern es lautet Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.
00:11:47: Also Ganz klar, die Eltern bemängeln hier nicht das Plei getötet hat.
00:11:51: Sondern dass er den beiden nicht mit Respekt und Erfurcht begegnet
00:11:56: wäre.".
00:11:58: Das zeigt ganz gut in welche Realität die gelebt haben müssen.
00:12:03: Die wusste wahrscheinlich auch nur das was in der Zeitung stand und das war schon schlimm genug.
00:12:08: Aber ob sie das wirkliche Ausmaß kannten weiß man nicht Und ehrlich gesagt will ich mir auch gar nicht vorstellen wie es ist wenn du erfährst dass dein Sohn Serienmörder ist.
00:12:18: Absolut So, harter Cut!
00:12:20: Bevor jetzt die Ermittlungen abgeschlossen werden können und es zur Anklage kommt muss noch eine ganz zentrale Frage beantwortet werden.
00:12:36: Ist Rudolf Pleil für seine Taten verantwortlich zu machen oder gilt er als unzurechnungsfähig?
00:12:42: Um das herauszufinden wird Pleil vor zehn Wochen in die Landesheilanstalt Königslutter verlegt – der zuständige Gutachter ist Dr.
00:12:50: Fritz Bahnsdorf.
00:12:51: Was er in diesen zehn Wochen erlebt, wird er als das Verstörendste beschreiben was ihm in seiner gesamten Karriere begegnet ist.
00:12:59: Kleil fühlt sich in der Anstalt sichtlich wohl – wohler als im Zuchthaus.
00:13:04: Hier gibt es mehr Bewegungsfreiheit, mehr Abwechslung und vor allem hat ein Publikum.
00:13:10: Die Anwesenheit einer Protokollantin regt ihn dazu an möglichst drastisch über sexuelle Vorgänge zu sprechen Und er verlangt nach einem Buch mit Aktaufnahmen, damit er – wie er es ausdrückt – geschlechtlich leistungsfähig bleibt.
00:13:27: In den psychologischen Tests zeigt sich das Pleils Schulbildung unter dem Durchschnitt liegt aber in einem Bereich schneidet er auffälle gut ab bei der Einordnung von Eigentums und Tötungsdelikten nach recht und ethischer Schwere.
00:13:42: Er weiß genau was richtig und was falsch ist.
00:13:45: Er kennt die ethischen Begriffe Aber Und das ist der entscheidende Punkt, sie betreffen ihn nicht.
00:13:52: Bahnsdorf würde später so beschreiben – als hätte man ihm die Grammatik einer Sprache beigebracht, die er fehlerfrei aufsagen kann ohne auch nur ein Wort davon zu
00:14:01: fühlen.".
00:14:03: Doch der aufschlussreichste Moment in der gesamten Begutachtung ist der Alkoholreaktionstest!
00:14:08: Die Ärzte wollen herausfinden wie Pleil unter Alkoholeinfluss reagiert denn bei vielen seiner Taten war er betrunken.
00:14:15: Der Test wird für den frühen Morgen angesetzt auf nüchternen Magen.
00:14:20: Pleil erfährt am Abend zuvor davon, dass er am nächsten Tag Alkohol trinken darf – er kann vor Vorfreude kaum schlafen!
00:14:27: Am Morgen sitzt er den Ärzten gegenüber.
00:14:31: Vor ihm steht ein halber Liter fünfzig-prozentige Alkohl mit Zuckerzusatz.
00:14:36: Alle acht bis zehn Minuten erhält Pleil eine Menge von zwanzig Millilitern.
00:14:41: Dazwischen stellen die Ärzte Fragen zum Haftleben und zu den Taten.
00:14:45: Insgesamt dauert der Test drei Stunden inklusive zwei fünfzehn-minütiger Pausen.
00:14:51: Plei will am liebsten sofort ansetzen und den Alkohol in einem Zug austrinken, aber die Ärzte bestehen darauf dass er Schluckweise trinkt.
00:14:59: Erfügt sich widerwillig!
00:15:01: Mit jeder weiteren Portion wird Pleil lockerer dann enthämter dann entgleisend.
00:15:06: Bahnstorff dokumentiert akribisch wie der alkohol Pleils Fassade Stück für Stück auflöst.
00:15:12: Pleil beginnt Dinge zu erzählen, die er vorher nie gesagt hat.
00:15:16: Er spricht zum ersten Mal ausführlich über Karl Hoffmann und den Vorfall, den wir aus Folge vier kennen – wie Hoffman einer bewusstlosen Frau den Kopf vom Rumpf trennte.
00:15:26: Pleil fertigt sogar eine Zeichnung an, die zeigen soll wo Hoffmann den Kopf im Wald verschwinden ließ.
00:15:32: Dann steht Pleil mittlerweile deutlich angetrunken auf.
00:15:36: Er nimmt seine Jacke und seine Hose, breitet sie auf dem Boden aus und formt daraus die Silhouette eines menschlichen Körpers.
00:15:43: Dann beginnt er eine Pantomime aufzuführen!
00:15:46: Er spielt die Szene von Hoffmann und der Frau vor – Die Erschlagung und die anschließende sexuelle Misshandlung.
00:15:53: Und während er das tut, kichert er geniessirisch vor sich hin.
00:15:57: Bahnstorff wird später schreiben ….
00:16:06: Was die Ärzte in diesen zehn Wochen zusammentragen, ergibt ein Bild das so widersprüchlich ist wie Pleil selbst.
00:16:14: Er ist intelligent genug um den moralischen Regeln der Gesellschaft zu verstehen – aber diese Regeln greifen bei ihm nicht!
00:16:21: Bahnstorff charakterisiert Pleil als ein «Bedenkenloses Triebwesen», dem das eigentlich menschliche fast völlig Fehler.
00:16:30: Er ist kein klassisch Geisteskranker, er hat keine Wahnvorstellungen, keine Halluzinationen.
00:16:37: Aber normal ist der auch
00:16:38: nicht.".
00:16:41: Die Ärzte bestätigen eine leichte angeborene Epilepsie.
00:16:46: Es gibt epileptische Dämmerzustände in denen Betroffene gewalttätig werden können und sich danach nicht mehr erinnern.
00:16:54: Pleil kann die Allermeisten seiner Taten in allen Einzelheiten schildern.
00:16:58: Er beschreibt die Tatorte genau.
00:17:01: Ein epileptischer Dämmerzustand kommt deshalb nur bei einem einzigen Mord infrage.
00:17:06: Seine Sexualität bezeichnen die Ärzte als Abnorm, aber nicht als krank!
00:17:11: Er sei ein Sadist der durch Gewalttaten die höchste Form sexueller Befriedigung suche – einem unwidersterlichen Zwang sei er dabei aber nicht unterworfen gewesen.
00:17:22: Trotzdem kommt Bahnstorff zu dem Ergebnis Okay, also lass uns noch mal kurz einordnen was da jetzt gerade passiert ist.
00:17:41: Also das Gutachten sagt Pley ist nicht voll schuldfähig.
00:17:45: er versteht zwar was er tut aber seine Steuerungsfähigkeit ist eingeschränkt und wenn das Gericht jetzt im Prozess diesem Ergebnis folgen würde dann würde es bedeuten Pley käme nicht in Haft sondern Heilanstalt.
00:17:59: Und über Heilanstalten haben wir in unseren vorherigen Staffeln schon ausgiebig gesprochen, auch bei Fritz Hamann, Staffel eins wurde darüber diskutiert ob er enthaft muss oder eher eine Heilanstaltung kommt.
00:18:11: und um das noch mal ins Verhältnis zu setzen, Hamann wollte unbedingt sogar lieber ins Gefängnis weil die Zustände und Methoden in den Heilanstalten ja alles andere als gut waren damals.
00:18:22: Und es gibt sogar noch mehr Parallelen zum Fall Hamann.
00:18:26: Denn auch Hamann hatte Epilepsie und das ist nicht nur uns aufgefallen, sondern auch Bahnstorff damals der hätte für seinen Gutachten über Pleyel nämlich tatsächlich gerne die Unterlagen zum Hammernfall vorlegen gehabt ja um da einfach Referenzen ziehen zu können oder auch Paralleln zu vergleichen.
00:18:44: Unterschied ist Wir konnten im Archiv alles nachlesen, aber er damals, obwohl es für Bahnstorfer wahrscheinlich deutlich wichtiger gewesen wäre leider nicht.
00:18:53: Er hat die Akten damals nicht
00:18:55: bekommen.".
00:18:55: Genau und jetzt könnte man ja denken okay Epilepsie das ist doch eine Erkrankung Das muss doch Auswirkungen auf die Schuldfähigkeit haben.
00:19:04: Aber so einfach ist das nicht!
00:19:07: Bahnstoff hat es damals in seinem Gutachten nochmal ganz klar formuliert Epilepsie allein, berechtig nach dem wissenschaftlichen Stand nicht dazu automatisch eine verminderte Zurechnungsfähigkeit anzunehmen.
00:19:21: Es ist nämlich so dass die Frage entscheidend ist ob der Täter zum Tatzeitpunkt in einem sogenannten Dämmerzustand gehandelt hat also quasi einen Zustand indem der Teter dann gar nicht bewusst gesteuert hat.
00:19:34: Und das ist übrigens auch heute noch so.
00:19:36: Der alte Paragraf, der damals geilt wurde, war in den heutigen Paragrafen zwanzig und einundzwanzig im Strafgesetzbuch aufgeteilt.
00:19:46: Aber das Prinzip ist das Gleiche geblieben.
00:19:48: Epilepsie kann im juristischen Sinne als krankhafte seelische Störung in die Beurteilung einfließen – aber sie führt nicht automatisch dazu dass jemand als schuldunfähig oder vermindert-schuldunfähig gilt.
00:20:02: Es kommt immer auf den konkreten Einzelfall an.
00:20:05: Also die Frage, die Bahnstorff damals gestellt hat, hat er während eines Anfalls gehandelt?
00:20:10: Ja oder nein!
00:20:11: Das ist im Kern dieselbe Frage, auch heute noch gestellt
00:20:13: wird.".
00:20:14: Was die ganze Sache aber nochmal auf eine andere Ebene hebt – bei Harmon.
00:20:19: damals kam der Gutachter zu dem Ergebnis, dass Harmon voll zurechnungsfähig sei….
00:20:24: Bei Pley kommen die Gutachters jetzt zum gegenteiligen Ergebnis verminderte Zurechnungspfähigkeit.
00:20:32: Was macht das Gericht im Prozess mit diesen Erkenntnissen?
00:20:40: Nach über zwei Jahren körperlich und seelisch zermürmender Ermittlungsarbeit beginnt am einund dreißigsten Oktober, in Braunschweig der Prozess gegen Pleil, Hoffmann & Schüßler.
00:20:53: Es ist der Sensationsprozess der Nachkriegsgeschichte.
00:20:57: Pleil ist wegen zehnfachen Mordes angeklagt, Hoffman in sieben Fällen wegen Mordess und Schüssler in zwei Fällen.
00:21:04: Der Gerichtssaal ist bis auf den letzten Platz besetzt.
00:21:07: Journalisten drängen sich in den Rhein, sogar ausländische Zeitungen haben Reporter geschickt.
00:21:13: Während sich Hoffmann und Schüßler unauffällig verhalten betritt Pleil den Gerichtssaal wie ein Hauptdarsteller der endlich seine Bühne gefunden hat.
00:21:22: Er trägt einen Anzug mit Schlips die Haare sind frisch rasiert und mit Gehl nach hinten gekämmt.
00:21:27: Er wirkt nicht wie ein angeklagter der um sein Urteil fürchtet.
00:21:31: Er wirkt wie jemand, der diesen Moment genießt.
00:21:34: Gut gelaunt sitzt er zwischen zwei uninformierten Beamten auf der Anklagebank.
00:21:39: Immer wieder stört er den Prozess durch Zwischenrufe.
00:21:42: Dann posiert er für die Journalisten und lässt sich mit einem breiten Papierstreifen fotografieren Auf dem untereinander die Orte stehen an denen er gemordet haben will.
00:21:51: Er reicht ihm von der Schulter bis über den Gürtel hinunter.
00:21:56: Doch seine Augen gelten nicht nur den Journalisten.
00:21:59: Bleib beobachtet vor allem die weiblichen Zuschauer.
00:22:02: Gleich zu Beginn des Prozesses gibt es einen Eklat, dass Gutachten von Bahnstorff darf nicht verwendet werden.
00:22:09: Der Grund?
00:22:10: Bahnstorf hat ein langen Artikel im Spiegel veröffentlicht in dem er Details aus der Begutachtung preisgibt.
00:22:17: Es besteht der Verdacht der Befangenheit.
00:22:20: Bahnstoff wird vom Verfahren ausgeschlossen und der Spieglartikel vor Gericht verlesen.
00:22:26: Eigentlich soll für die Verlesung des Artikels die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden.
00:22:31: Doch in diesem Moment springt Pleil auf!
00:22:33: Die Zeitung kann man ja überall kaufen, ruft er in den Saal.
00:22:37: Je mehr Menschen über ihn hören und lesen, desto
00:22:40: besser.".
00:22:41: Es ist nicht das einzige Mal, dass Pleil kundhunt wird wenn ihm etwas im Prozess missfällt.
00:22:47: Wenn er mit etwas in der Verhandlung nicht einverstanden ist schreibt er dem Richter im Anschluss Briefe.
00:22:52: Im Prozess können nur wenige Zeugen vernommen werden.
00:22:55: Unter ihnen sind Lydia Schmidt, Reinhold Kalbowski, Elvira Glöde und Grekel.
00:23:03: Gretel ist inzwischen mit einem anderen Mann verheiratet.
00:23:06: Mit großer Scham und voller Angst, dass ihr jetziger Mann davon erfahren könnte, erzählt sie von Pleils brutalen Praktiken im Bett.
00:23:15: Die inzwischen vierzehnjährige Elvire identifiziert unter den Beweistücken im Gerichtssaal ein paar Schuhe als die ihrer Mutter Und Lydia Schmidt schildert ihre traumatischen Erlebnisse mit Pleil und Schüßler bei der Grenzüberquerung.
00:23:29: Schüssler gibt seine Beteiligung bei zwei Mortaten sowie zwei versuchten Morden zu, Hoffmann bestreitet bis Prozessende jegliche Beteilligungen seinerseits.
00:23:39: Drei Wochen nach Beginn des Prozesses am siebzehnten November, verkündet das Schwurgerecht sein Urteil – und es fällt eine Entscheidung die von der Einschätzung der Gutachter abweicht!
00:23:52: Pleyl ist aus Sicht des Gerichts voll schuldfähig.
00:23:56: Er wird das neunfachen Mordes schuldig gesprochen und erhält lebenslänglich.
00:24:00: Auch Hoffmann und Schüßler erhalten lebenslänglich.
00:24:03: Hoffman für sechsfachen mord, Schüssler für zwei.
00:24:11: Was passiert mit einem Mann der für das töten lebt wenn er nie wieder töten kann?
00:24:17: In der nächsten Folge schauen wir auf die jahre nach dem urteil.
00:24:20: was geschieht hinter gefängnismauern Wenn die kameras aus sind die journalisten weg Und niemand mehr hinschaut.
00:24:49: Wir halten still, doch
00:25:40: wagen's
00:25:41: nicht.
00:25:42: Zu träumen von dem nächsten Maler.
00:25:48: das Herr Seelen.
00:26:51: Und dann alle Unterstützerinnen
00:27:04: und Unterstützer.
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